Ich dachte lange, dass jede schwierige Situation im Workshop bedeutet, dass ich etwas falsch gemacht habe. Heute weiß ich: Die meisten schwierigen Situationen erzählen mir nicht nur etwas über die Gruppe. Sie erzählen mir oftmals etwas über mich. In diesem Artikel möchte ich Dir Einblicke in das geben, was ich über die Jahre lernen durfte: Was die Gruppe über mich als Facilitatorin aussagt, welche konkreten Learnings ich aus Workshops mitgenommen habe und welche Anker mir in meinem Job helfen.
Die Gruppe als Spiegel der Facilitatorin
Wenn eine Crew auf ihrer Reise ins Stocken gerät, ist die erste und naheliegende Reaktion, nach dem Fehler im Prozess zu suchen. War die Methode die falsche? Waren doch nicht die richtigen Personen eingebunden? Fast immer lohnt sich an dieser Stelle allerdings auch ein Blick nach innen. Oft zeigen solche Situationen wie ein Spiegel, wo bei mir selbst gerade etwas im Unreinen ist.
Dabei gibt es ein paar Beispiele, die mir immer wieder begegnen: Die Agenda wackelt, jemand kommt zu spät zum Workshop oder zurück aus der Pause, jemand telefoniert oder eine Diskussion gerät ins Stocken. In mir kommt sofort der Impuls auf, einzugreifen. Vor einigen Jahren hätte ich das sicher auch getan, indem ich nachgesteuert und mir die Kontrolle zurückgeholt hätte, um am ursprünglichen Plan festhalten zu können. Heute sehe ich diese Impulse eher als Hinweise an mich selbst:
- Empfinde ich es als Problem, dass meine Agenda durch Verspätung oder unerwartete Unterbrechungen der Crew ins Wanken gerät, zeigt mir das mein Kontrollbedürfnis und die Notwendigkeit, Distanz zu schaffen. Was ich früher als Unhöflichkeit wahrgenommen habe, gehe ich heute systemisch an: Jede*r gibt das, was er in dem Moment kann. Das hat nichts mit Sympathien mir gegenüber zu tun. Außerdem: Als Facilitatorin trage ich die Verantwortung über den prozessualen Ablauf, habe allerdings keine inhaltliche Ergebnisverantwortung. Unerwartete Entwicklungen nicht persönlich zu nehmen, ist ein wichtiger Teil meiner Rolle.
- Löst Stille in der Gruppe das Bedürfnis in mir aus, einzugreifen, macht das meine eigene Unsicherheit sichtbar. Früher habe ich Stille fast immer als Scheitern gedeutet und wollte sie schnell auflösen. Heute halte ich sie aus: In nahezu jedem Workshop gibt es diese Phase voller Blockaden, Reibung und Konflikte – die sogenannte Groan Zone. Sie gehört dazu, damit die Gruppe ihren gemeinsamen Weg finden kann und hat nichts mit meiner Kompetenz und der gewählten Methodik zu tun, sondern mit dem Prozess, den die Crew gerade durchläuft.
- Treffe ich auf Haltungen und Sichtweisen, mit denen ich nicht übereinstimme, zeigt mir das den Unterschied zwischen wertfreiem Auftreten und eigenen Werten – aber auch, wo Neutralität enden darf. Meine Aufgabe als Facilitatorin ist es, wertfrei und allparteilich aufzutreten, ohne dabei meine persönlichen Werte über Bord zu werfen. Gleichzeitig darf ich entscheiden, bei welchen Themen ich Gruppen begleite und wann Neutralität nicht mehr möglich ist. Bei Diskriminierung oder fehlendem Respekt darf es auch im wertfreien Raum Gegenwind geben. Du wirst mich beispielsweise niemals in einem Workshop finden, der rechte Ideologien vertritt oder normalisiert.
- Wirkt eine Crew auf mich ohne sichtbaren Grund angespannt, habe ich diese Anspannung vielleicht mitgebracht. Was ich emotional in einen Workshop mitbringe, kann ich nicht komplett vor der Tür ablegen, sondern projiziere es auf die Gruppe.
- Reagiert eine Gruppe distanziert auf eine Methode, spiegelt mir das meine eigene Überzeugung oder den Mangel daran. Früher habe ich Methoden aus Angst vor Kontrollverlust konsequent durchgezogen. Heute erkenne ich, was zu mir und der Gruppe passt und tausche Methoden schneller aus. Methoden, hinter denen ich stehe, bringe ich anders rein als solche, von denen ich nicht ganz überzeugt bin und das zeigt sich in der Gruppe. Statt der professionellen Maske wirken Nahbarkeit und Menschlichkeit oft deutlich mehr.
Grundsätzlich gilt: Wir Facilitator*innen dürfen zuerst für uns selbst sorgen, um Räume halten und Crews voranbringen zu können. Am Ende ist es wie mit einer Keksdose: Erst fülle ich meine eigene auf, bevor ich Kekse verteilen kann.
Wo ich auf hoher See falsch abgebogen bin: ein Beispiel aus der Praxis
Selbst Workshops mit toller Beteiligung und begeisterten Teilgebenden bergen Potenzial für Gegenwind auf der Route, damit aber auch für Learnings. Konkret durfte ich das in einer Begleitung erleben, in der ich persönlich falsch abgebogen bin. Statt mit dem Sponsor zu sprechen – der Person, die das Vorhaben zwar nicht im Tagesgeschäft begleitet, aber finanziell und strategisch dahintersteht und am Ende der Entscheider ist – bin ich ausschließlich mit dem Product Owner, meinem direkten Auftraggeber, in die Auftragsklärung gegangen. Die Folge war ein Sponsor, der mit dem Ergebnis nicht einverstanden war und eine Crew, die zu Recht frustriert war – mich eingeschlossen.
Statt an dieser Stelle stur weiterzusegeln, habe ich den Prozess bewusst angehalten und transparent gemacht, dass ich nicht alle Erwartungshaltungen abgeholt habe. Daraufhin habe ich Lösungsvorschläge für alternative Wege gemacht, sodass wir schlussendlich das Ruder herumreißen konnten. Am Ende stand ein Ergebnis, mit dem alle Teilgebenden zufrieden waren und für mich eine schmerzhafte, aber wichtige Lektion über saubere Auftragsklärung.
11 Learnings, die ich aus Workshops und dem Halten von Gruppen ziehe
Längst nicht alle Learnings stammen aus so intensiven Situationen. Aber auch kleinere Konflikte oder Hürden im Workshop haben mir geholfen, mich als Facilitatorin weiterzuentwickeln und aus jeder einzelnen Begleitung etwas zu lernen.
- Ich darf mit allen sprechen, die ein Interesse am Ergebnis des Workshops haben, nicht nur mit dem direkten Auftraggeber.
- Auch, wenn andere das vielleicht als unprofessionell ansehen: Meine eigene Verletzlichkeit sorgt für psychologische Sicherheit im Raum. Wird lange, kreative Arbeit mit einem Satz zunichte gemacht, darf das auch mich treffen.
- Wenn ich nicht mehr weiter weiß, mache ich eine Pause. Danach kann ich den Plan adaptieren und wieder Fahrt aufnehmen.
- Blockaden sind in den seltensten Fällen persönlich. Blockiert jemand, darf ich mich selbst aus der Situation herausnehmen und das Problem der Person sehen. Vielleicht hat sie einfach eine Abneigung gegen Legosteine oder ein Trauma durch Knete im Teppich erlebt. Ich darf in einer solchen Situation bei mir bleiben und sagen: „Ich höre und sehe dich. Aber gib der Sache trotzdem eine Chance.“
- Meine Verantwortung liegt in der Gruppendynamik und in den methodischen Prozessen. Über die inhaltlichen Ergebnisse hingegen habe ich keine Kontrolle.
- Ich kenne meine eigene Landkarte. Weiß ich über meine eigenen Werte, Themen und Trigger Bescheid, kann ich sie besser von dem unterscheiden, was im Raum passiert.
- Menschen kommen zu mir wegen mir als Person, meiner Haltung und meiner Persönlichkeit. Diese Erkenntnis darf ich mir selbst zugestehen und daraus meine Selbstsicherheit und mein Vertrauen in mich stärken.
- Ich bin zur Improkünstlerin geworden. Pläne sind eher ein Starthafen, keine feste Route.
- Fuck Your Methods. Statt auf die perfekte Methode kommt es vielmehr auf die Fragen an. Ein Bruch im Vorgehen, etwa ein Walk the Talk mitten im Lego®-Workshop, bringt oft mehr Fortschritt als der perfekte Methodenbüddel.
- Ich plane Introversion und Extraversion ein. Räume brauchen sowohl Stille als auch Austausch, damit beide Persönlichkeitstypen sich einbringen können.
- Der Workshop ist nicht der Moment der Wahrheit. Ob Menschen sich an ihn als wertvoll erinnern, entscheidet sich auf dem Weg in den Arbeitsalltag. Die Welt der Crew verändert sich immer erst nach dem Workshop.
Anker, die mich heute als Facilitatorin erden
Meine Haltung als Facilitatorin ist nicht einfach eigenständig zu mir herüber gesegelt. Damit ich sie im Alltag selbst halten kann, sind über die Zeit ein paar feste Anker entstanden, die mich vor, während und nach Workshops sichern:
- Selbstreflexion vor der Session
- Körperliche Entspannung vor Workshoptagen
- Bewusst geblockte Ruhe danach
- Einfach aufs Wasser schauen oder einen Baum umarmen
- Reflexion, die oft schon mitten im Doing beginnt
- Kaffee, Kopfhörer und die richtigen Songs
- Kurze Auszeiten für mich in den Pausen
Was im ersten Moment etwas banal klingen mag, hilft mir tagtäglich dabei, Crews in meiner besten Form zu begleiten. Vor jedem Workshop findest Du mich mit einer Tasse Kaffee und Kopfhörern dabei, wie ich einige Songs höre, die mich positiv aktivieren. Andere nehmen die Power-Pose ein, bei mir läuft Musik. Ein ähnliches Ritual bleibt auch in den Pausen bestehen. Beim Essen oder in den Kaffeepausen nehme ich mich bewusst aus der Crew raus, um bei mir zu bleiben und der Crew Raum für freien Austausch zu geben.
Der Vormittag nach einem Workshop ist bei mir außerdem immer fest geblockt, damit ich wieder bei mir ankommen kann. Die Reflexion selbst steht dafür oft gar nicht im Kalender, sondern beginnt von ganz alleine und oft schon, während ich noch mitten im Workshop bin. Am Ende geht es vor allem darum, mich zu erden, um meinen Fokus in jedem Workshop voll auf die Crew legen zu können.
Fazit: Facilitation bringt sowohl Gruppen als auch Facilitator*innen voran
Facilitation steht oft ausschließlich als Dienstleistung an einer Gruppe da, als Rolle, in der Facilitator*innen sich selbst zurücknehmen, um der Crew Raum zu geben. Meiner Erfahrung nach ist das nur die halbe Wahrheit. Jede Gruppe, die ich begleite, hält auch mir einen Spiegel vor. Ob es dabei um Unsicherheiten, eigene Werte oder ein unbewusstes Kontrollbedürfnis geht – alle Themen werden sichtbar, ob ich will oder nicht. Diese Realität ernst zu nehmen, hilft mir tagtäglich dabei, Crews besser zu begleiten und gleichzeitig mich selbst besser zu verstehen und zu führen.
Facilitation hat mich gelehrt, dass ich Gruppen nicht verändern kann. Ich kann Räume schaffen und dabei lerne ich jedes Mal selbst dazu.
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*vom BDVT e.V. – dem Berufsverband für Training, Beratung und Coaching – zertifiziert




